Vor ein paar Tagen besuchte mich Jenny Posch mit einem Team von schau TV, die kamen, um über Radicchio und mein neues Buch zu sprechen. Der Bericht wurde in der Sendung Schau LEBEN am Mittwoch, 28. April um 18 Uhr ausgestrahlt. HIer können Sie es nachsehen.

https://schautv.at/schau-leben-beitraege/radicchio/401366150

Dies ist eines der schönsten Rezepte, die meine Mutter für uns gemacht hat, und es war das Hauptgericht zum Abendessen. Wir streiten uns immer mit meiner Schwester, weil ich es nicht so mache, „wie Mama es immer gemacht hat“. Tatsächlich hat meine Mutter es immer mit Mortadella zubereitet, die in meiner Region sehr beliebt ist (weiße Pizza mit Mortadella ist ein klassisches römisches Streetfood-Gericht). Aber das Rezept ist neapolitanisch und ich füge normalerweise auch etwas gewürfelten Prosciutto hinzu. Der Name kommt vom französischen „gâteau“, was „süß“ bedeutet. Wichtig ist in jedem Fall die Kartoffel….

Am 9. April 2021, im letzten Teil der Radiosendung Moment Kulinarium (Ö1) ein Interview mit mir über mein neues Buch über Radicchio.

Hier können Sie das nachrhören. Viel Spaß!

Zugegeben – in der Vergangenheit war ich, was die Carbonara betrifft, ein Dogmatiker. Man könnte sogar sagen, dass mich die echte Carbonara (mit den wahren Zutaten und authentisch zubereitet) zu meinem derzeitigen Job als Privatkoch gebracht hat. In der Tat war es so, dass mich, nachdem ich eine Carbonara ohne Schlagobers zubereitet hatte, ein Stammkunde des Restaurants, in dem ich damals arbeitete, fragte, ob ich nicht bei ihm zu Hause ein kleines privates Abendessen kochen wolle…

Und so hielt ich es als gebürtiger Römer, der im Ausland lebt, lange Zeit für eine Ehrensache, ein echtes Identitätsmerkmal, die „wahren traditionellen Rezepte“ meines Landes zu kennen. Und doch hätte es mir eine Warnung sein müssen, dass in einem Restaurant, in dem ich arbeitete, ein Gericht bei den Kunden recht beliebt war: „Spaghetti alla ciociara“. Also theoretisch ein Rezept aus meiner Provinz, von dem ich noch nie in meinem Leben gehört, geschweige denn es je gegessen hatte. Am wahrscheinlichsten ist, dass irgendein Koch aus meiner Gegen Jahre zuvor in dieser Küche gearbeitet hat und dass das von ihm „erfundene“ Gericht (Spaghetti mit Kirschtomaten, Sardellenfilets, Pecorino-Käse und Petersilie) dann diesen Namen behalten hat.

Mit dem Erwachsenwerden, lernt man dazu, studiert die Rezepte und beginnt besser zu verstehen, dass eine „Tradition“, besonders in der Küche, oft das Ergebnis einer Erfindung ist (Hobswann docet). Die historische Forschung – die sich glücklicherweise nicht nur mit Kriegen und Diktatoren beschäftigt, sondern auch mit dem, was in den Küchen passiert – findet fast keine Spuren von „traditionellen“ italienischen Rezepten. Anders in den letzten Jahren, und es ist leicht zu verstehen, warum: Noch vor fünfzig Jahren aßen die Menschen ganz anders.

Ein Blick in das erste und berühmteste Kochbuch der italienischen Küche von Pellegrino Artusi (Erstausgabe von 1891) wird Sie überraschen: Sie werden fast keines der Rezepte finden, die wir heute als Klassiker der italienischen Küche kennen. Es gibt keine „Amatriciana“ (die das älteste der berühmten Rezepte der „römischen Tradition“ zu sein scheint), es gibt keine „Cacio e pepe“ und es gibt nicht einmal die legendäre „Carbonara“, die das jüngste der „traditionellen“ Rezepte Roms zu sein scheint (wahrscheinlich stammt es aus der Zeit nach der Befreiung Roms  1944, aber es ist das am wenigsten nachvollziehbarste der römischen Rezepte – denn nicht einmal der Name wurde ausreichend erklärt).

Guanciale: Im Luft getrockneten Schweinsbacken

Es gibt wenige Themen, abgesehen von Fußball und Politik, über die in Italien so lebhaft diskutiert wird wie über die Carbonara. Und auch ich glaubte in der Vergangenheit, die „Wahrheit“ über die Carbonara zu kennen. Als Verfechter einer These, die keine Abweichungen zulässt, zögerte ich nicht, mit größtmöglicher Verachtung auf diejenigen loszugehen, die Bauchspeck statt „Guanciale“ verwendeten (noch schlimmer war Räucherspeck!), oder auf diejenigen, die aus dem Eiern ein Omelett machten, oder diejenigen, die sogar Butter dazugaben oder – noch schlimmer – Schlagobers! Wenn man jedoch beginnt, tiefer einzutauchen, entdeckt man, dass Kochen keine exakte Wissenschaft ist – auch wenn die Wissenschaft in der Küche sehr nützlich ist (wenn man zum Beispiel weiß, dass Eigelb und Eiweiß bei unterschiedlichen Temperaturen gerinnen, sollte man nur ersteres verwenden, um sich das Leben nicht zu schwer zu machen).

Rezepte sind nicht starr, in Stein gemeißelt und unveränderlich, wie es eine gewisse Orthodoxie gerne hätte. Die Menschen tauschen sie aus und passen sie ihrem eigenen Geschmack und ihren Lebensumständen an (Sie haben keinen Guanciale mehr, aber Sie haben Bauchspeck zu Hause?). Meine Oma zum Beispiel hasste Käse und so war ihre Carbonara ohne Käse! In modernen Kochbüchern findet sich die Carbonara, die wir heute für „echt“ halten, erst in den 80er Jahren wieder. Der größte Neuerfinder der italienischen Tradition, Gualtiero Marchesi, hatte genau das getan: Er hatte viele traditionelle Rezepte genommen und sie auf der Grundlage moderner Erkenntnisse und Kochtechniken und des Geschmacks, der mehr mit dem zeitgenössischen Lebensstil harmoniert, neu erfunden:  und so wurde Vitello Tonnato zu einem Braten statt zu gekochtem Fleisch, Risotto wurde ohne Zwiebeln angeröstet (und manchmal sogar gekocht, indem man es mit kochendem Wasser statt mit Brühe übergoss). Und… Carbonara wurde – aufgrund seiner Liebe zur französischen Küche – noch in den 1980er Jahren vorgeschlagen, indem man zu den heute als korrekt erachteten Zutaten (Guanciale, Pecorino Romano, Eigelb, schwarzer Pfeffer) sowohl Butter als auch Schlagobers dazu gab!

Gualtiero Marchesi


Der Geschmack verändert sich, das Wissen über Lebensmittel ändert sich, Rezepte passen sich an und vermischen sich. Auch die Carbonara wird sich verändern, wenn sie bestehen bleibt. Wenn wir daran denken, dass Spaghetti jahrhundertelang „in bianco“ (weiß) gewürzt wurden, bevor sie mit Tomaten kombiniert wurden, so werden wir nachsichtiger sein, wenn jemand neue Zutaten in eine Carbonara geben will. Heute mögen wir eher eine Carbonara ohne Schlagobers, trotzdem cremig (was die Umsetzung des immer gleichen Gerichts nicht gerade erschwert), mit Guanciale und ohne Speck und ohne zusätzliches Fett abgesehen vom Fett des Guanciales.  Aber wer weiß wie das in 20 Jahren sein wird?

Bibliografische Anmerkung

Vielen Dank an Gerda Genzl für ihre Hilfe bei der Verbesserung meines Deutsch

Mein neues Buch ist jetzt erschienen und in den Buchhandlungen erhältlich, wieder in der Reihe „Kleine Gourmandisen“ des Mandelbaum Verlags: Radicchio. Am 29.März hat die erste Onlinepräsentation des Buches stattgefunden.

Es war schön, das Buch mit zwei Freund*innen, deren Wege sich in den letzten Jahren mit den meinen gekreuzt haben, vorzustellen: mit Katharina Seiser (Journalistin, Herausgeberin und Autorin von Kochbüchern) und Alois Schörghuber (Journalist und Redakteur bei Ö1, der u.a. auch kulinarische Sendungen macht).
Leider fehlen die erste Minuten (Wir hatten einige technische Probleme)

In den kommenden Tagen wird dieser Artikel auch in deutscher Sprache erscheinen. Zum Carbonara-Tag veröffentliche ich es heute auf Italienisch.

Lo confesso: in passato sono stato un fondamentalista della carbonara. Anzi, addirittura potrei dire che una carbonara “fatta bene” (con gli ingredienti “giusti”, senza gli ingredienti “sbagliati”, ma anche con il “giusto” processo di preparazione) mi abbia portato poi a fare il lavoro che faccio oggi. Fu dopo che avevo preparato una carbonara senza panna, che un cliente fisso del ristorante dove allora lavoravo mi chiese se volevo andare a casa sua a cucinare per una piccola cena privata…

E dunque essendo nato a Roma e vivendo all’estero, per tanto tempo ho pensato fosse un punto d’onore, un vero tratto identitario, conoscere le “vere ricette della tradizione” della mia terra. Eppure per me avrebbe dovuto già essere di ammonimento una ricetta, che veniva piuttosto gradita dai clienti in un ristorante dove ho lavorato: gli “spaghetti alla ciociara”, quindi in teoria della mia provincia, che non avevo mai né mangiato né sentito in vita mia. La cosa più probabile è che qualche cuoco delle mie parti avesse lavorato in quella cucina anni prima e che il piatto da lui “inventato” (spaghetti coi pomodorini ciliegini, le acciughe, il pecorino e il prezzemolo) abbia mantenuto poi quel nome.

Poi si cresce, si impara, si studia e si comincia a capire meglio che una “tradizione”, tantopiù in cucina, è spesso il frutto di una invenzione (Hobswann docet). Le ricerche storiche – che per fortuna non si occupano solo di guerre e di dittatori, ma anche di che cosa avveniva nelle cucine – non trovano traccia di quasi nessuna delle ricette italiane “tradizionali” se non in anni molto recenti e se ne capisce il motivo: solo cinquant’anni fa si mangiava in modo completamente diverso.

Basterebbe riguardare il primo e più famoso ricettario della cucina italiana, quello di Pellegrino Artusi (prima edizione del 1891), e si resterebbe sorpresi dal non trovare quasi nessuna delle ricette che oggi consideriamo dei classici della cucina italiana. Non c’è la “Amatriciana” (che pare sia la più antica delle famose ricette della “tradizione romana”), non c’è la “Cacio e pepe” e non c’è neppure la mitica Carbonara, che pare sia la più recente delle ricette “tradizionali” di Roma (probabilmente risale a dopo la liberazione di Roma nel 1944, ma è la meno rintracciabile delle ricette romane, tanto che neppure il nome è stato mai spiegato in modo convincente).

Guanciale

Sono pochi, a parte il calcio e la politica, gli argomenti su cui in Italia si discuta più animatamente che sulla Carbonara. E anche io in passato ho creduto di conoscere la “Verità” sulla Carbonara. Come un difensore di una ortodossia che non ammette deviazioni, non esitavo a scagliarmi con tutto il disprezzo possibile verso chi usava la pancetta anziché il guanciale (ancora peggio se la pancetta era affumicata!), verso chi faceva rapprendere le uova in padella come per una frittata, verso chi addirittura aggiungeva del burro o – vero sacrilegio! – la panna! Quando però si comincia ad approfondire, si scopre che cucinare non è una scienza esatta – anche se la scienza in cucina serve moltissimo (ad esempio sapere che tuorli e albume coagulano a temperature differenti consiglia di usare solo i primi per non complicarsi troppo la vita).

Le ricette non sono fisse, scolpite nella pietra e immutabili, come vorrebbe una certa ortodossia. Le persone se le scambiano, le adattano ai propri gusti, alle circostanze (hai finito il guanciale ma hai in casa della pancetta?). Mia nonna ad esempio odiava il formaggio e quindi la sua carbonara era senza! Nei ricettari moderni, la carbonara che oggi consideriamo “giusta”, non si trova prima degli anni 80. Il più grande re-inventore della tradizione Italiana, Gualtiero Marchesi, aveva fatto esattamente questo: aveva preso molte ricette della tradizione e le aveva reinventate sulla base delle moderne conoscenze e tecniche di cucina e di un gusto più in armonia con lo stile di vita contemporaneo: e così il vitello tonnato era diventato un arrosto anziché un bollito, il risotto veniva tostato senza cipolle (e addirittura a volte cotto innaffiandolo con acqua bollente anziché brodo) e… la carbonara – in ossequio al suo amore per la cucina francese – veniva proposta, ancora negli anni ’80, aggiungendo agli ingredienti oggi accettati come corretti (guanciale, pecorino romano, tuorli d’uovo, pepe nero), udite udite, sia il burro che la panna!

Gualtiero Marchesi

Il gusto cambia, le conoscenze sugli alimenti pure, le ricette si adeguano, si contaminano. Cambierà ancora anche la Carbonara, se vuole sopravvivere. Se pensiamo che gli spaghetti sono stati in bianco per secoli e secoli anni prima di incontrare i pomodori, saremo più indulgenti quando qualcuno vorrà aggiungere un ingrediente nuovo in una Carbonara. A noi oggi piace di più una carbonara senza panna, eppure cremosa (il che complica non poco la realizzazione sempre uguale del piatto), con il guanciale e senza pancetta, senza grassi aggiuntivi oltre quello del guanciale stesso. Ma fra vent’anni chissà…

Nota bibliografica

  • Storia della pasta in dieci piatti, Luca Cesari, Il Saggiatore, 2021
  • Il mito delle origini: breve storia degli spaghetti al pomodoro, Massimo Montanari, Editori Laterza, 2019

„Unsere Spezies kocht. Keine andere Spezies kocht, und erst durch
das Erlernen des Kochens sind wir wirklich Menschen geworden“
(Michael Pollan)

Trotz des Überangebots an Kochsendungen, die das Fernsehen anbietet oder an Produkten, die auf den Plattformen erhältlich sind, in einer Art Pornografie des Essens, schafft es die Serie Cooked, nach dem gleichnamigen Buch von Michael Pollan (Cooked – Natural History of Transformation) und mittlerweile auch auf Netflix verfügbar, sich davon positiv abzuheben. Die Serie widerspricht sogar der vorherrschenden Darstellung des Kochens: die Anzahl der Stunden, die die Zuschauer im Durchschnitt mit dem Anschauen von Kochsendungen verbringen steigt, während die Anzahl der Stunden, die dem Kochen eigener Speisen gewidmet ist, sinkt.

Michael Pollan in seine Küche

Der Journalist, Schriftsteller und Essayist Michael Pollan hat sich bereits in zwei Weltbestsellern mit den beiden Gegensätzen der Nahrungskette auseinandergesetzt: In Omnivore’s Dilemma beschäftigte er sich mit der Nahrungsmittelproduktion, indem er die mehr oder weniger unaussprechlichen Realitäten der Nahrungsmittelindustrie schilderte; in Lebensmittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn beschäftigte er sich mit unseren Essgewohnheiten, die zunehmend von verarbeiteten Lebensmitteln dominiert werden- eine Aufforderung zur Rückkehr zum „Essen, in Maßen, vor allem pflanzlicher Natur“. In Kochen beschäftigt sich Pollan mit dem, was dazwischen passiert, nämlich dem Kochen.

Pollan versucht daher, uns davon zu überzeugen, in die Küche zurückzukehren, um den tieferen Sinn einer der typischsten menschlichen Praktiken wiederzufinden. Einigen Studien zufolge ist es sogar die Möglichkeit des Kochens selbst – lange Zeit nur mit Feuer -, die es uns ermöglicht hat, jene Energiemenge freizusetzen, die zuvor in stundenlangem Kauen und Verdauen verbraucht wurde. So diente sie als Gehirnnahrung, ermöglichte Wachstum und schließlich den Übergang vom homo erectus zum homo sapiens.

Die Illusion des Outsourcings und des Überlassens der Nahrungszubereitung an den Markt, scheint ein unaufhaltsamer Trend zu sein, der im Übrigen – vor allem von einem Teil der feministischen Bewegung – als befreiend empfunden wird und drängt uns immer weiter vom gemeinsamen Essen weg. Es zwingt uns dadurch Konsummodelle auf, die oft zerstörerisch für die Natur und ungesund für uns Menschen sind. Wir sprechen fast nicht mehr vom Essen, sondern von der Nahrungsaufnahme oder Füttern.

Die Serie unter der Regie von Alex Gibney setzt in vier Teilen den Weg des Buches um und zeichnet das Muster nach. Jede Folge ist nämlich einer der vier Methoden der Umwandlung von Grundzutaten in Nahrung beim Kochen gewidmet, die auch den vier Elementen entsprechen: die Umwandlung durch Hitze (Feuer), durch Eintauchen in eine Flüssigkeit (Wasser), durch Aufsteigen (Luft) und durch bakterielle Fermentation (Erde). Durch die verschiedenen Wege, auf denen sich diese vier verschiedenen Arten des Kochens historisch etabliert haben und in unserem Leben fortbestehen, in so unterschiedlichen und doch so ähnlichen Formen in jedem Winkel der Erde, gelingt es dem Dokumentarfilm, die Stärke des sozialen Bandes wiederherzustellen – bekräftigt durch den Akt des Kochens und der Vereinigung beim gemeinsamen Essens.

Der Dokumentarfilm führt uns zu den australischen Ureinwohnern, die noch immer eine einzigartige Beziehung zum Feuer pflegen, sowohl in Bezug auf das Nahrungs- als auch auf das Sozialsystem; durch die Straßen einer Megalopolis wie Mumbai, wo, während die Konsummodelle der westlichen Nahrungsmittelindustrie aufgezwungen werden, sehr originelle Formen des Widerstands in Verbindung mit der Hausmannskost entstehen. Zu den roten Lehmhäusern von Marrakesch, wo die Menschen ihr eigenes Brot machen und es dann zum Backen in die Öfen der Nachbarschaft bringen; zu den Höfen amerikanischer Nonnen, die sich gegen die Pasteurisierung der Milch auflehnen, um Käse herzustellen, der Bakterien nützt, die bei der Gärung entstehen und so einen viel intensiveren Geschmack entfalten.

Es ist keine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Versuch, bewährte Praktiken, die sonst verloren zu gehen drohen, wieder zu entdecken. Wenn wir zum Beispiel an Ernährung nur in Bezug auf gute oder schlechte Inhaltsstoffe denken (Nahrungsbestandteile), wenn wir Fette, Zucker, Kohlenhydrate und Gluten von Zeit zu Zeit verteufeln, verlieren wir das Gesamtbild. Ein prominenter Manager der Lebensmittelindustrie erklärt im Interview, was die gesündeste Ernährung der Welt ist: „Essen Sie, was Sie wollen! Genießen Sie alles, was Sie essen! Möchten Sie einen Apfelkuchen? Essen Sie heute einen Ganzen! Möchten Sie Kekse und Eiscreme zu Ihrem Kuchen? Sie dürfen heute Abend so viele Kekse und so viel Kuchen essen, wie Sie wollen. Ich bitte Sie nur um eines: Machen Sie alles selbst! Machen Sie den Kuchen, das Eis und die Kekse. Und ich weiß, was passieren wird: Sie werden keinen Kuchen, kein Eis und keine Kekse essen!“ Abschließend meint Pollan: „Diese Regel wird Sie davon abhalten Mist zu essen! Das heißt: Kaufen Sie die besten Zutaten, die Sie bekommen können, und kochen Sie sie so einfach wie möglich!“

Michael Pollan und Samin Nosrat

Das Bemühen, als Laie die harmonische Beziehung zwischen Natur und Kultur wiederzuentdecken, ist nach Pollan die Essenz des Kochens und in gewissem Sinne die Antwort auf viele Dilemmas unserer heutigen Welt: Kochen im Rhythmus der Natur, ihrer Jahreszeiten und ihrer Zeiten. Verstehen, dass Kochen Zeit ist, die wir uns selbst und den Menschen, die wir lieben, widmen. Sich bewußt werden, wie die Lebensmittel, die auf unseren Tisch kommen, erzeugt werden. Von jenen lernen, die es können, die wissen, wie man sie zubereitet. Freude haben am Essen guter Dinge. Eine bunte Reise durch die menschliche Evolution, unterhaltsam und faszinierend. Absolut sehenswert.


Am Montag 29.März 2021, 18.00 Uhr

Mein neues Buch ist jetzt erschienen und in den Buchhandlungen erhältlich, wieder in der Reihe „Kleine Gourmandisen“ des Mandelbaum Verlags: Radicchio.

Ich freue mich, das Buch mit zwei Freund*innen, deren Wege sich in den letzten Jahren mit den meinen gekreuzt haben, vorzustellen: mit Katharina Seiser (Journalistin, Herausgeberin und Autorin von Kochbüchern) und Alois Schörghuber (Journalist und Redakteur bei Ö1, der u.a. auch kulinarische Sendungen macht).

Ich würde mich freuen, viele von Ihnen bei der Buchvorstellung begrüßen zu dürfen!

Die Präsentation findet online über Zoom statt und ist kostenlos. Der Zugangslink ist:  

Kochen und Musik haben vieles gemeinsam. Beim Kochen haltet man sich ans Rezept, beim Musizieren an die Partitur. Und trotzdem wird jeder Mensch das Rezept oder Musikstück anders interpretieren, auch wenn er genau die gleichen Zutaten oder die gleichen Noten vor sich hat. Beim Sprechen ist es genauso: auch wenn die Worte, die wir sagen, immer die gleichen sind, so können wir sie auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Außerdem können sowohl Essen als auch Musik intensive Gefühle auf einer Ebene vermitteln, die man nicht leicht in Worte fassen kann.

Überraschend daher, dass diese beiden Welten gerade in Italien nicht so oft miteinander verbunden werden, wie man es erwarten würde. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sowohl die Küche als auch die Musik einen so hohen Stellenwert in der italienischen Geschichte einnehmen.

Meine Idee einer Sammlung von „gesungenen Rezepten“ liegt schon ein paar Jahre zurück. Seit einiger Zeit hatte ich nach einer Möglichkeit gesucht, meine beiden großen Leidenschaften zu verbinden. Mittlerweile hatte sich in Wien – wo ich seit einigen Jahren lebe – herumgesprochen, dass ich neben meiner Arbeit als Privatkoch auch noch Musik mache (in gewisser Weise ist es das banalste Klischee des italienischen Auswanderers, der kocht und singt), und mehrmals wurde ich gebeten im Radio über das Kochen zu sprechen und zu singen.

Aber es gibt nur wenige echte Lieder, die man über Essen und Kochen singen kann. Es gibt eine sehr reiche Tradition von Volksliedern, oft im Dialekt, die mit Volksfesten und der bäuerlichen Welt verbunden sind. Aber im Songwriting, das mich mehr interessiert, gibt es nicht viele Anknüpfungspunkte.

Da ist einerseits  Un gelato al limon des großen Paolo Conte (eine Metapher an die Unsicherheit einer aufkeimenden Liebe, die, wie ein Zitroneneis im Sommer, schnell gegessen werden muss, bevor es schmilzt); Da ist andererseits das außergewöhnliche Il vino von Piero Ciampi (ein bitteres, selbstironisches Lied über den Wein als göttlichen Nektar und zugleich gefährliche Weltflucht); Und da ist das brillante Na tazzulella e cafè von Pino Daniele (der aus dem neapolitanischen Ritual des Kaffees eine bissige, aber leichte Gesellschafts- und Politikkritik gemacht hat).

Kürzlich hat Vinicio Capossela (der schon mit Il ballo di San Vito alle Speisen der traditionellen Volksfeste mithilfe des Taranta-Rhythmus in den Mittelpunkt gestellt hat), mit seinem erfolgreichen Album Le canzoni della cupa der volkstümlichen Tradition des italienischen Südens eine neue Bedeutung verliehen und das schöne Lied Nachecici geschrieben, in dem er „Chi muore muore/Chi campa campa/E nu‘ piatto di maccaruni cu‘ la carna“ („Wer stirbt, der stirbt. Wer lebt, der lebt. Und am Ende gibt es einen Teller Makkaroni mit Fleisch“, also Fleisch als Traum vom Überfluss…), zu dem später das sehr witzige Il testamento del porco (Das Testament des Schweins) dazu kam.

Vinicio Capossela

Außergewöhnlich ist auch Peppe Voltarellis Geschichte Mangiare (eine kleine Zusammenfassung der Besessenheit vom Essen als Teil eines in gewissem Sinne erstickenden Wertesystems, typisch für Süditalien), allerdings völlig außerhalb der Liedform. Kurz gesagt, es gibt nur sehr wenige und sehr spezielle Lieder, die über Essen mit mindestens so viel Intensität sprechen, wie wir einem Gericht zuschreiben, wenn wir es essen.

Peppe Voltarelli

Dann erzählte mir eine befreundete Musikerin, Ingrid Schiller, die auf ihren CDs viele italienische Lieder singt, von ihrer Leidenschaft fürs Zeichnen und Malen. Um italienische Lieder für das deutschsprachige Publikum verständlich zu machen, hatte sie begonnen, Tafeln zu verwenden, auf denen sie ihre Illustrationen zeigte. „Mach das doch auch! Du bist ein Koch und ein Musiker, warum machst du nicht eine CD mit gesungenen Rezepten?“.

Ingrid Schiller

Das Projekt ist noch in vollem Gange, aber die ersten Songs über Essen sind schon da. Manchmal sind es wirklich gesungene Rezepte, wie Lo spaghettino al pomodoro oder La resa al risotto. Kürzlich wurde ich aber für eine Radiosendung über Artischocken interviewt (denen ich ein 2016 erschienenes Buch gewidmet habe) und wurde gebeten, etwas zu spielen. So habe ich mich schließlich entschieden, ein Lied über mein Lieblingsgemüse zu schreiben: Il carciofo

Laden Sie hier den Liedtext, auf Italienisch mit deutscher Übersetzung, des Songs „Il carciofo“

  • Vielen Dank an Gerda Genzl für ihre Hilfe bei der Verbesserung meines Deutsch.

Ich habe mich sehr gefreut, an der ersten Folge der Sendung „ABC der Speisepflanze“ teilzunehmen, die der Artischocke gewidmet war. Neben mir war auch eine gute Freundin und Partnerin von mir, Stephanie Theuringer, Pionierin der Artischocken in Österreich, dabei.

Falls Sie sich das Programm noch einmal anhören wollen, hier ist es.

Gegen Ende des Programms gibt es auch mein Lied über die Artischocke. Um es in voller Länge zu hören, klicken Sie einfach hier.