Es mag manchen eigenartig erscheinen, dass das erste Festival der italienischen Literatur in Wien, “La Fonte”, das vom 25. bis 27. Februar in einem der schönsten Theater der Hauptstadt, dem Odeon Theater, stattfand, mit einer sehr gut besuchten Präsentation des Buches „Spaghetti al pomodoro – Kurze Geschichte eines Mythos“ von Massimo Montanari eröffnet wurde. Und doch war es eine sehr treffende Wahl: ausgehend von einem scheinbar leichten Thema, das jeder als typisch italienisch empfindet – Spaghetti al pomodoro -, zu einer viel tieferen Reflexion über die Themen Identität, Herkunft und Traditionen überzuleiten.

Die Eröffnung des Festivals La Fonte mit Massimo Montanari (Foto Francesca Romana)

Das von Editori Laterza herausgegebene und 2019 ins Deutsche übersetzte Buch war in Italien und anschließend in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Verlagserfolg, und die Präsentation in Wien war gut besucht und sehr erfreulich. Montanari, der vor zwei Jahren in Pension ging, ist ein großartiger Siebzigjähriger, der noch immer in der Lage ist, das Publikum mit der Kultur des mittelalterlichen Historikers zu faszinieren und zu fesseln, aber auch mit jenen populären Fähigkeiten, die große Historiker nicht immer besitzen.

Montanari gehört zu den Historikern, die unter dem Einfluss von Marc Bloch ausgebildet wurden, der zum allgemeinen Erstaunen und Misstrauen begann, nicht nur die großen Persönlichkeiten und Ereignisse der Geschichte zu erforschen, sondern auch die als unbedeutend angesehenen Geschichten der einfachen Leute und ihre alltäglichen Gewohnheiten, einschließlich Kochen und Essen. Wie sich in informellen Gesprächen am Rande des Literaturfestivals mit seiner Frau Marina herausstellte, hielten ihn alle für verrückt, sogar seine eigene Familie, als er vor vierzig Jahren unermüdlich die Streitigkeiten zwischen Grundbesitzern und Bauern im Mittelalter studierte! Heute, wo es zumindest in Mode gekommen ist, über Essen aus einer historischen Perspektive und Vision zu sprechen, war es schön zu sehen, wie er in Wien empfangen wurde: ein volles Theater, um ihm zuzuhören; eine halbstündige Schlange, um eine Widmung in seinem Buch über Spaghetti al pomodoro zu bekommen; der Ausverkauf aller Exemplare seines Buches; der liebevolle Empfang des italienischen Kulturinstituts und der italienischen Botschaft in Wien. „Ich fühlte mich umarmt“, sagte Montanari am Ende.

Was ist typischer für Italien, als seine Küche und sein bekanntestes Gericht? Und doch konnte Montanari, ausgehend von diesem Klischeebild, mit seinem Buch und bei seinem Vortrag in Wien eine Betrachtung vorschlagen, die weit mehr als nur die Küche betrifft. Die Geschichte der Spaghetti mit Tomatensoße beginnt mit der Ankunft der Araber in Sizilien, der persischen Erfindung einer langen, dünnen, trockenen Pasta, und setzt sich über fast tausend Jahre fort, bis zur letzten Begegnung der Zutaten, die wir heute mit diesem Gericht verbinden nach dem Zweiten Weltkrieg: dem Olivenöl.

Der Gedanke ist klar: Die Ursprünge (die Erfindung der Spaghetti) erklären nichts über das Rezept und damit über das, was das italienische Identitätsgericht schlechthin ist. Der Historiker schließlich, so Montanari, misst dem Ursprung einer Sache keine große Bedeutung bei, es sei denn als rein fiktive Tatsache. Wie Marc Bloch erläuterte, stammt die Eiche zwar von der Eichel ab, aber nur sehr wenige Eicheln werden zu Eichen, und auch nur dann, wenn sie auf eine Reihe anderer Faktoren treffen, die in geeigneter Weise kombiniert werden (die überwiegende Mehrheit der Eicheln, so Gramsci, wird schließlich von Schweinen gefressen…). Selbst wenn sie eine persische Erfindung sind, die von den Arabern verbreitet wurde (und Marco Polo hat nichts damit zu tun…), nahmen Spaghetti in diesen Kulturen sicher nicht den zentralen Platz ein, den sie in der italienischen Esskultur einnehmen.

Die Identität ist also das Ergebnis eines Prozesses der Begegnungen zwischen Produkten, Zutaten, landwirtschaftlichen und kulinarischen Praktiken, der technologischen Entwicklung und des kommerziellen und kulturellen Austauschs zwischen Völkern, auch aus verschiedenen Kontinenten. In einem Gericht wie Spaghetti al pomodoro steckt eine ganze Welt: Persien, die arabische Welt, Sizilien und Neapel, dann Amerika, wo Tomaten und Chilischoten (für die, die sie lieben) herkommen, oder der Orient, wo Knoblauch und Basilikum in der Antike Einzug hielten, der Mittelmeerraum, der schon in der Antike das Olivenöl kannte (aber hauptsächlich als Kosmetikum zum Einfetten des Körpers, weniger als Nahrungsmittel!).

In Anlehnung an die historische Rekonstruktion, die Montanari in seinem Buch vorschlägt, habe ich auch einen kurzen Film gedreht, der die wichtigsten Etappen veranschaulicht. Ein Video, das Montanari sehr unterhaltsam fand. Die unbestrittene italienische Identität des Gerichts ist das Ergebnis all dieser Begegnungen und wurde bis in die jüngste Zeit immer wieder verändert. Olivenöl beispielsweise, so erinnert sich Montanari, hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg als beliebtestes Fett für Tomatensauce durchgesetzt, nachdem eine Studie aus den USA die so genannte Mittelmeerdiät kodifiziert und definiert hatte. Vielleicht ist es gerade diese Fähigkeit, sich ständig anzupassen und so viele Elemente aus verschiedenen Kulturen zu vereinen, die das wahre Merkmal der italienischen Küche (und Identität) darstellt. Denn dies ist die Geschichte Italiens: eine hybride Geschichte. Und es ist die Geschichte – mit ihren Ereignissen und Begegnungen – die Identitäten erklärt, nicht die Herkunft. Deshalb konnte Montanari stolz erklären, dass das Reden über die italienische Identität in angemessener Form, angefangen bei Spaghetti mit Tomatensoße, seine Art war, Nationalismus und Identitarismus anzuprangern und zu bekämpfen. Auch dafür müssen wir ihm dankbar sein!

Im Hinblick auf das erste Festival für italienische Literatur La Fonte Vienna, bei dem ich die Präsentation des Buches „Spaghetti al pomodoro – Kurze Geschichte eines Mythos“ von Massimo Montanari moderieren werde, habe ich mit der wertvollen Hilfe einiger außergewöhnlicher Menschen (Irene Coticchio, Sonja Chiser Kieser, Monica Mel) dieses kleine Video gedreht, das sich frei an dem Buch orientiert. Die italienische Version des Videos kann hier angesehen werden.

Meine Freundinnen Sara & Alessandra, die den wunderbaren Podcast Italien für die Ohren gemacht haben, haben mich wieder interviewt, diesmal zum Thema RadMeine Freundinnen Sara & Alessandra, die den wunderbaren Podcast Italien für die Ohren ins Leben gerufen haben, haben mich erneut interviewt, dieses Mal, um über Radicchio und mein Buch über dieses faszinierende Gemüse zu sprechen. Sie können sich den Podcast hier anhören.

Festival der italienischen Literatur in Wien
Freitag 25. Februar – 18:00 Uhr – Odeon Theater

Das erste Festival der italienischen Literatur in Wien wird mit der Präsentation des Buches „Spaghetti al pomodoro – Kurze Geschichte eines Mythos“ eröffnet und ich habe das Vergnügen, die Präsentation des Autors Massimo Montanari zu moderieren.  Für diejenigen, die wie ich mit der italienischen Küche außerhalb Italiens arbeiten, sind die Bücher von Massimo Montanari von grundlegender Bedeutung: Sie lassen uns immer wieder darüber nachdenken, was die Merkmale der italienischen Küche sind und dass die Küche viel mehr ist als eine Reihe von Techniken, sondern das Ergebnis einer Kultur und einer Geschichte.

Welches andere Gericht steht mehr für die italienische Küche als Spaghetti mit Tomatensauce? Die Geschichte dieses Gerichts, von seinen Ursprüngen bis zum heutigen Tag, wie sie in Montanaris Buch erzählt wird, demontiert jedoch die Mythen, die sich hinter dem Klischee verbergen, um uns eine Geschichte zu erzählen, die viel faszinierender ist, als wir erwarten würden, und vielleicht einige Wahrheiten darüber offenbart, wie das, was wir heute als italienische Identität bezeichnen, entstanden ist.

Das erste Festival der italienischen Literatur in Wien findet vom 25. bis 27. Februar 2022 im Odeon Theater statt. Ich hatte die Ehre, einen kleinen Beitrag zu dieser zweisprachigen Veranstaltung zu leisten, an der einige der wichtigsten italienischen Schriftsteller*innen teilnehmen.

Ich freue mich auch zwei der Buchpräsentationen zu moderieren: die Eröffnungspräsentation des Festivals über das Buch „Spaghetti al pomodoro – Kurze Geschichte eines Mythos“ mit dem Autor Massimo Montanari und die Präsentation von zwei der wichtigsten Bücher der letzten Jahre, die beide Mussolini gewidmeten „M“-Bücher von Antonio Scurati. Verpassen Sie es nicht!

Am Dienstag 3.05.2022, 18.00 Uhr, findet der Kochkurs Italienische Teigwaren: frittelle, pasta und noch mehr bei Babette’s statt.

Wir unternehmen mit Euch eine Reise durch die verschiedenen regionalen Traditionen Italiens. Natürlich wird da auch Pasta gemacht, aber nicht nur: von Panzerotti über Fritelle bis zu kleinen Pizze und Torten reciht das Repertoire an italienischen Teigwaren. Wer knetet mit?

Details und Anmeldung bei Babette’s

Am Dienstag 17.05.2022, 18.00 Uhr, findet der Kochkurs La dolce vita: Kochen wie in Rom bei Babette’s statt.

Die römische Küche ist eine ländliche, bäuerliche arme Leute Küche. Hier spielen Hülsenfrüchte, frische Nudeln mit Käse und Pfeffer und das fünfte Viertel der Tiere, wie Innereien, Zunge, Ochsenschlepp, eine wichtige Rolle. Auch weltberühmte Rezepte stammen aus dieser Küche, wie Carbonara, Saltimbocca oder Artischocken alla Giudìa. Der musizierende Koch Bruno zeigt worauf es ankommt und wie in Rom authentisch gekocht wird.

Details und Anmeldung bei Babette’s

Am Dienstag 31. Mau 2022, 18.00 Uhr, findet der Kochkurs Liebeszauber der Zitrone bei Babette’s statt.

Über Jahrhunderte hinweg bis zum heutige Tag haben Menschen aus Süditalien Liebestränke aus Zitronen gemacht, weil Sie an seinen Liebeszauber geglaubt haben. An diese alten Rituale glauben wir jetzt nicht mehr, aber zumindest in der Küche bleibt der Zauber der Zitrone unverändert: um Nahrungsmittel zu würzen und marinieren, als Antioxidant und als Getränk. In diesem Kochkurs mit Saporitokoch Bruno, Autor des Buches „Zitrone“, lernen die Teilnehmer:innen das Potenzial von diesem Obst und seine Anwendung in der italienischen Küche kennen.

Details und Anmeldungen bei Babette’s.

Am Mittwoch 15.06.2022, 18.00 Uhr, findet der Kochkurs Una notte in Toscana bei Babette’s statt.

Die toskanische Küche hat klare und kräftige Geschmacksnoten, genau wie der Charakter ihrer Bewohner. Öl und Wein sind vorherrschend. Gemüse und Hülsenfrüchte spielen eine größere Rolle als in anderen italienischen Regionen, zusammen mit weißem Fleisch oder Wild. Bruno, der viele Jahre in Siena gelebt hat, wird Sie auf dieser faszinierenden gastronomischen Reise begleiten.ser faszinierenden gastronomischen Reise begleiten.

Deatails und Anmeldungen bei Babette’s.

Am Dienstag 21.06.2022, 18.00 Uhr, findet der Kochkurs Cucina Povera bei Babette’s statt.

Wörtlich übersetzt heißt sie die Arme-Leute-Küche und steht für eine ehrliche, bekömmliche und natürliche Küche mit einfachen, raffinierten Rezepten, Zutaten und Gewürzen. Die Kombination frischer, aufeinander abgestimmter Zutaten, die ohne aufwendige Kochprozesse schlichte aber schmackhafte Gerichte hervorbringt, ist genau das Richtige für Liebhaber günstiger und zugleich guter traditioneller italienischer Küche.

Details und Anmeldung bei Babette’s