„Unsere Spezies kocht. Keine andere Spezies kocht, und erst durch
das Erlernen des Kochens sind wir wirklich Menschen geworden“
(Michael Pollan)

Trotz des Überangebots an Kochsendungen, die das Fernsehen anbietet oder an Produkten, die auf den Plattformen erhältlich sind, in einer Art Pornografie des Essens, schafft es die Serie Cooked, nach dem gleichnamigen Buch von Michael Pollan (Cooked – Natural History of Transformation) und mittlerweile auch auf Netflix verfügbar, sich davon positiv abzuheben. Die Serie widerspricht sogar der vorherrschenden Darstellung des Kochens: die Anzahl der Stunden, die die Zuschauer im Durchschnitt mit dem Anschauen von Kochsendungen verbringen steigt, während die Anzahl der Stunden, die dem Kochen eigener Speisen gewidmet ist, sinkt.

Michael Pollan in seine Küche

Der Journalist, Schriftsteller und Essayist Michael Pollan hat sich bereits in zwei Weltbestsellern mit den beiden Gegensätzen der Nahrungskette auseinandergesetzt: In Omnivore’s Dilemma beschäftigte er sich mit der Nahrungsmittelproduktion, indem er die mehr oder weniger unaussprechlichen Realitäten der Nahrungsmittelindustrie schilderte; in Lebensmittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn beschäftigte er sich mit unseren Essgewohnheiten, die zunehmend von verarbeiteten Lebensmitteln dominiert werden- eine Aufforderung zur Rückkehr zum „Essen, in Maßen, vor allem pflanzlicher Natur“. In Kochen beschäftigt sich Pollan mit dem, was dazwischen passiert, nämlich dem Kochen.

Pollan versucht daher, uns davon zu überzeugen, in die Küche zurückzukehren, um den tieferen Sinn einer der typischsten menschlichen Praktiken wiederzufinden. Einigen Studien zufolge ist es sogar die Möglichkeit des Kochens selbst – lange Zeit nur mit Feuer -, die es uns ermöglicht hat, jene Energiemenge freizusetzen, die zuvor in stundenlangem Kauen und Verdauen verbraucht wurde. So diente sie als Gehirnnahrung, ermöglichte Wachstum und schließlich den Übergang vom homo erectus zum homo sapiens.

Die Illusion des Outsourcings und des Überlassens der Nahrungszubereitung an den Markt, scheint ein unaufhaltsamer Trend zu sein, der im Übrigen – vor allem von einem Teil der feministischen Bewegung – als befreiend empfunden wird und drängt uns immer weiter vom gemeinsamen Essen weg. Es zwingt uns dadurch Konsummodelle auf, die oft zerstörerisch für die Natur und ungesund für uns Menschen sind. Wir sprechen fast nicht mehr vom Essen, sondern von der Nahrungsaufnahme oder Füttern.

Die Serie unter der Regie von Alex Gibney setzt in vier Teilen den Weg des Buches um und zeichnet das Muster nach. Jede Folge ist nämlich einer der vier Methoden der Umwandlung von Grundzutaten in Nahrung beim Kochen gewidmet, die auch den vier Elementen entsprechen: die Umwandlung durch Hitze (Feuer), durch Eintauchen in eine Flüssigkeit (Wasser), durch Aufsteigen (Luft) und durch bakterielle Fermentation (Erde). Durch die verschiedenen Wege, auf denen sich diese vier verschiedenen Arten des Kochens historisch etabliert haben und in unserem Leben fortbestehen, in so unterschiedlichen und doch so ähnlichen Formen in jedem Winkel der Erde, gelingt es dem Dokumentarfilm, die Stärke des sozialen Bandes wiederherzustellen – bekräftigt durch den Akt des Kochens und der Vereinigung beim gemeinsamen Essens.

Der Dokumentarfilm führt uns zu den australischen Ureinwohnern, die noch immer eine einzigartige Beziehung zum Feuer pflegen, sowohl in Bezug auf das Nahrungs- als auch auf das Sozialsystem; durch die Straßen einer Megalopolis wie Mumbai, wo, während die Konsummodelle der westlichen Nahrungsmittelindustrie aufgezwungen werden, sehr originelle Formen des Widerstands in Verbindung mit der Hausmannskost entstehen. Zu den roten Lehmhäusern von Marrakesch, wo die Menschen ihr eigenes Brot machen und es dann zum Backen in die Öfen der Nachbarschaft bringen; zu den Höfen amerikanischer Nonnen, die sich gegen die Pasteurisierung der Milch auflehnen, um Käse herzustellen, der Bakterien nützt, die bei der Gärung entstehen und so einen viel intensiveren Geschmack entfalten.

Es ist keine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Versuch, bewährte Praktiken, die sonst verloren zu gehen drohen, wieder zu entdecken. Wenn wir zum Beispiel an Ernährung nur in Bezug auf gute oder schlechte Inhaltsstoffe denken (Nahrungsbestandteile), wenn wir Fette, Zucker, Kohlenhydrate und Gluten von Zeit zu Zeit verteufeln, verlieren wir das Gesamtbild. Ein prominenter Manager der Lebensmittelindustrie erklärt im Interview, was die gesündeste Ernährung der Welt ist: „Essen Sie, was Sie wollen! Genießen Sie alles, was Sie essen! Möchten Sie einen Apfelkuchen? Essen Sie heute einen Ganzen! Möchten Sie Kekse und Eiscreme zu Ihrem Kuchen? Sie dürfen heute Abend so viele Kekse und so viel Kuchen essen, wie Sie wollen. Ich bitte Sie nur um eines: Machen Sie alles selbst! Machen Sie den Kuchen, das Eis und die Kekse. Und ich weiß, was passieren wird: Sie werden keinen Kuchen, kein Eis und keine Kekse essen!“ Abschließend meint Pollan: „Diese Regel wird Sie davon abhalten Mist zu essen! Das heißt: Kaufen Sie die besten Zutaten, die Sie bekommen können, und kochen Sie sie so einfach wie möglich!“

Michael Pollan und Samin Nosrat

Das Bemühen, als Laie die harmonische Beziehung zwischen Natur und Kultur wiederzuentdecken, ist nach Pollan die Essenz des Kochens und in gewissem Sinne die Antwort auf viele Dilemmas unserer heutigen Welt: Kochen im Rhythmus der Natur, ihrer Jahreszeiten und ihrer Zeiten. Verstehen, dass Kochen Zeit ist, die wir uns selbst und den Menschen, die wir lieben, widmen. Sich bewußt werden, wie die Lebensmittel, die auf unseren Tisch kommen, erzeugt werden. Von jenen lernen, die es können, die wissen, wie man sie zubereitet. Freude haben am Essen guter Dinge. Eine bunte Reise durch die menschliche Evolution, unterhaltsam und faszinierend. Absolut sehenswert.

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